Soulvolle Sounds aus Sydney

Zum Ausklang des drittletzten «Blue Balls»-Abends brillierten Angus und Julia Stone mit sanften Folk-Rhythmen, schwermĂŒtiger Lyrik und einer bestechend schmucklosen BĂŒhnenprĂ€senz. Die ungezwungene AtmosphĂ€re  im Luzerner Saal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern akzentuierte, dass die Geschwister aus Sydney wĂ€hrend ihrer vierjĂ€hrigen Entdeckungsreisen im Solo-Bereich von ihrer Neigung fĂŒr engelsgleichen Zwiegesang nichts eingebĂŒsst haben.

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Angus & Julia Stone im Luzerner Saal des KKL. (Bild: DAVID SCHNEIDER/www.onetake-oneline.com)

Vierzig Jahre nach den ersten Auftritten von Angus und Malcolm Young alias AC/DC bringt das nicht gerade als Musikexportweltmeister bekannte Australien mit Angus und Julia Stone ein neues Geschwister-Duo hervor. Statt mit Mega-Shows voller Pathos bestechen die «Sydney-Siblings» bei ihren Auftritten mit seelenvoller SimplizitÀt. Hippie Chic-Kleidung, zotteliges Haar und akustische Introspektion ummanteln die kontrastreichen Stimmfarben des Folk-Duos und unterstreichen dabei die zentralen Themen hinter ihren Songs: bedingungslose Liebe, unaufhaltsamer Wandel und der ewige Wunsch nach Freiheit.

Erinnerungen an einen alten Freund

WĂ€hrend des eineinhalbstĂŒndigen Konzerts fĂŒhrten die Stones-Geschwister ihr Publikum durch eine musikalische Fortentwicklung ihres bisherigen Schaffens und verknĂŒpften dabei die FrĂŒchte ihrer Solo-Projekte mit den herausstechendsten Resultaten ihres gemeinsamen Wirkens.

Namhafte Hits wie «Big Jet Plane» aus dem zweiten Album «Down the Way», das direkt auf Platz eins der australischen Charts landete und den Stones-Geschwistern fĂŒnf Awards der Australian Record Industry Assocation (ARIA) bescherte, bildeten wĂ€hrend des Abends einen unbefangenen Kontrastreichtum zu unbekannteren Songs aus frĂŒheren EPs und den Solo-Werken: Eine Prachtentfaltung an Facetten, durch die sich auch ihre 2010 erschienene Compilation «Memories of an Old Friend» auszeichnet.

Schöpferischer Aufbruch

Gegen Ende des Konzerts wichen die nostalgischen GefĂŒhle an frĂŒhere Hits dem Hauptaugenmerk auf das neuste Album, das Angus und Julia Stone kurzerhand nach sich selbst benannten. Mit Hilfe der Producer-Legende Rick Rubin, der generell als einer der einflussreichsten und angesehensten Produzenten der Gegenwart gilt, brachen die Australier mit ihren bittersĂŒssen und melancholischen Melodien zu neuen Ufern auf und verliehen ihren gefĂŒhlvollen Hymnen ans Leben mehr Kraft und Mainstream-Potenzial.

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Der Konzertbericht erschien auf tink.ch.

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Schneller als Eminem

US-Rapper George Watsky hat sich mit seinem YouTube-Hit „Pale Kid Raps Fast“ weit ĂŒber seine Heimatstadt San Francisco hinaus einen Namen in der Hip-Hop-Szene gemacht. Mittlerweile gilt der Poet auch hierzulande bei vielen als Geheimtipp, denn der 27-JĂ€hrige rappt nicht nur schneller als Eminem, sondern untermauert seine Redekunst auch mit lyrischen Meisterwerken. Im Oktober gastiert er in der Schweiz.

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George Watsky gilt als einer der schnellsten Rapper der Welt. Bild: Mainland Music

Schon in jungen Jahren glĂ€nzte Watsky durch dichterische Höchstleistungen. In Kalifornien gewann er dutzende Slam-Poetry-Wettbewerbe, bevor er 2006 Youth Speaks Grand Slam Poetry-Champion wurde – die höchste Auszeichnung fĂŒr einen Slam-Poeten in den USA. Sein YouTube-Hit Pale Kid Raps Fast bescherte ihm schliesslich auch ausserhalb der Bucht von San Francisco BerĂŒhmtheit und legte den Grundstein, auf dem seine Karriere als Rapper aufbaut.

Heute gilt Watsky als einer der schnellsten Rapper der Welt. Seine Zungenfertigkeit verschaffte Auftritte in der Ellen DeGeneres-Show und in der HBO-Sendung Def Poetry, in der Rap-Legende Russell Simmons nach jungen Ausnahmetalenten sucht.

Experimentelle ErzÀhlungen

2007 veröffentlichte er sein erstes Album Invisible Inc und stellte damit erstmals grossflĂ€chig seine Rap-KĂŒnste unter Beweis. Auf der LP zeigte sich Watsky experimentierfreudig und versuchte sich an verschiedenen Hip-Hop-FĂ€rbungen. Auf einigen Tracks etwa sind klassische Jazz-Elemente zu hören, wĂ€hrend andere mit Synthesizer und Auto-Tune fĂŒr Abwechslung sorgen.

Nur zwei Jahre spÀter, 2009, veröffentlichte Watsky sein nÀchstes Album und benannte es nach seinem eigenen Namen. Das kommt allerdings nicht von ungefÀhr, denn die Zeit der Experimente ist vorbei und der US-Rapper definiert sich nach seinem ersten Album neu. Erstmals zieht sich eine klare Linie durch sein Album. Diese musikalisch klarer definierte Geradlinigkeit erlaubt es dem Poeten, sich wieder mehr auf seine Dichtkunst zu konzentrieren.

Ob AlltagserzĂ€hlungen, Gesellschaftskritik oder politische Themen: Watsky findet auf seinen Alben fĂŒr alles Platz und ummantelt die Messages seiner Texte mit schöpferischen Sternstunden der Poesie. Das dritte Album Cardboard Castles stellt dabei keine Ausnahme dar und bescherte ihm erstmals so viele AlbumverkĂ€ufe, dass ihm ein Einstieg in die US-amerikanischen Billboard 200-Charts gelang.

All You Can Do

Im August dieses Jahres veröffentlichte Watsky mit All You Can Do sein viertes Album. Was Watsky alles kann, hat er unlĂ€ngst unter Beweis gestellt. Er zieht seine Linie weiter und prĂ€sentiert auch mit seinem neusten Streich eine geordnete Vielseitigkeit. Auch stilmĂ€ssig traute sich der Poet wieder, eine breitere Palette abzudecken. Das Vorhaben ist Watsky spielerisch gelungen, denn seine Wortkunst ist dermassen ausgereift und polyvalent, dass sie universal und abwechslungsreich ausgestellt werden kann. FĂŒr das Album arbeitete er mit diversen KĂŒnstlern zusammen. So findet man US-Rapper Anderson Paak oder die US-SĂ€ngerin Raquel Rodriguez gleich auf mehreren Tracks.

Im Oktober gastiert Watsky im Rahmen seiner All You Can Do-Tour gleich zweimal in der Schweiz: Am 2. Oktober im Exil in ZĂŒrich und am 3. Oktober im Ebulition in Bulle.

FĂŒr das Konzert im Exil verlost Tink.ch 2×2 Tickets.

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Der Artikel wurde geschrieben fĂŒr tink.ch.

Die drei besten Vatikan- und FranziskusbĂŒcher 2013

2013 war fĂŒr die römisch-katholische Kirche sehr ereignisvoll. Das Zwei-PĂ€pste-Jahr wurde bereits im Februar eingelĂ€utet, und dies nicht traditionell durch das Ableben des amtierendes Papstes. Der inzwischen emeritierte Papst Benedikt XVI. trat zurĂŒck, da er sich aufgrund seiner schlechter werdenden Gesundheit nicht mehr im Stande fĂŒhlte, das Petrusamt nach bestem Gewissen auszufĂŒhren. Der letzte RĂŒcktritt eines Papstes fand vor fast genau 600 Jahren statt, als Gregor XII. auf dem Konzil von Konstanz 1415 abdankte, um ein Ende des Schismas, der Kirchenspaltung, herbeizufĂŒhren. Doch nicht nur der spezielle Amtsantritt von Franziskus I. war fĂŒr Theologen ein Grund, dieses Jahr wieder vermehrt zu Feder, Papier und Tinte zu greifen. Viel mehr sorgte der SĂŒdamerikaner mit seinen radikalen VerĂ€nderungsplĂ€nen gegenĂŒber dem Kirchensystem und der partiellen Neuauslegung der Glaubensausrichtung fĂŒr reichlich Diskussionsbedarf.

3. Die PĂ€pste – Norbert F. Pötzl und Johannes Saltzwedel

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Photo: SPIEGEL/BĂŒro Jorge Schmidt/Bettmann/AKG Images/Getty Images/bpk

Fast dreissig Religionsjournalisten  der SPIEGEL Redaktion Deutschland sorgen in diesem Buch fĂŒr eine grosse Vielzahl an unterschiedlichsten BeitrĂ€gen zur römisch-katholischen Kirche. Seien es  zeitnahe Berichte von den Örtlichkeiten des Vatikans, historische BeitrĂ€ge zu den ehemaligen PĂ€psten, Interviews mit KardinĂ€len oder auch Ausblicke auf das Jahr 2014.

Man darf sich allerdings vom Cover des Buches nicht in die Irre fĂŒhren lassen; wer denkt, dass Papst Franziskus I. in diesem Buch eine zentrale Rolle einnimmt, der irrt. Viel mehr ist der Argentinier und sein bevorstehenden Aufgaben eine Randnotiz am Ende des Buches. Ein Sinnbild fĂŒr den gesamten Inhalt dieses Buches, denn das Werk aus dem Hause SPIEGEL wirkt eher wie ein chaotisches und ungeordnetes Sammelsurium an Texten, Reportagen und Interviews betreffend der Kirche, die zwar interessant sind, alleinstehend allerdings keine Publikation wert wĂ€ren.

Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich einen oberflĂ€chlichen Überblick ĂŒber die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft der römisch-katholischen Kirche verschaffen will, und dabei noch nicht zu tief in die Materie eindringen möchte.

2. Gottes schwarze Kasse – Fidelius Schmid

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Photo: Eichborn Verlag

Das Buch beschĂ€ftigt sich mit einer Frage, die Gianluigi Nuzzi in seinem weltweit berĂŒhmtgewordenen Buch „Vatikan AG“ (2009) eigentlich bereits beantwortet hat: Finanziert sich die Kirche mit kriminell erwirtschaftetem Geld?

Schon frĂŒh verdeutlicht sich in dem Buch, dass diese Frage ganz klar mit einem Ja beantwortet werden muss. Es geht um GeldwĂ€sche fĂŒr die Mafia, Schwarzgeld, Spendengelder, die direkt in die Taschen von hohen AmtstrĂ€gern fliessen, sowie Steuerhinterziehung und vieles mehr.
Dementsprechend hart geht der Autor auch mit den illegalen GeldgeschÀften der Katholischen Kirche ins Gericht. Durch Informanten und strengvertrauliche Bankdokumente schafft es Schmid, Licht ins Dunkel zu bringen und die Kirche mit handfesten Beweisen zu kritisieren.

GrundsĂ€tzlich unterscheidet sich das Werk Schmids kaum von dem Welterfolg “Vatikan AG”, allerdings wird es durch seine AktualitĂ€t in den letzten Kapiteln umso spannender: Schmid findet fĂŒr den Hoffnungs- und SympathietrĂ€ger Papst Franziskus I., der angeblich eine radikale VerĂ€nderung in den FĂŒhrungspositionen der Vatikanbank plant, keine positiven Worte.

Man darf auf jeden Fall sehr darauf gespannt sein, ob Papst Franziskus I. seinen Worten Taten folgen lassen wird, oder ob sein Versprechen nur eine leere Drohung gegenĂŒber der Mafia war. Eines ist allerdings klar: das organisierte Verbrechen in Italien geht seit jeher Hand in Hand mit der geheimnisvollen und ominösen Bank im Vatikan, und dies kann auch ein einzelner Mann nicht mehr Ă€ndern.

Das Buch ist PflichtlektĂŒre nicht nur fĂŒr jeden Kirchenkritiker, sondern auch fĂŒr alle enttĂ€uschten GlĂ€ubigen, die ihr Misstrauen gegenĂŒber der Festung in Rom mit einer ausgeklĂŒgelten und grĂŒndlichen Recherche stĂŒtzen wollen.

1. Macht und Ohnmacht im Vatikan – Dr. Crista Kramer von Reisswitz

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Photo: HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur/Getty Images/FRANCO ORIGLIA

Die deutsche Vatikan-Expertin verschafft in diesem grossartigen Werk einen allumfassenden Überblick ĂŒber die momentane Machtsituation im Vatikan. Wer zieht die FĂ€den im Vatikan? Welche Gruppierungen und Personen stellen sich dem neuen Papst entgegen? Von wem darf sich Franziskus I. UnterstĂŒtzung erhoffen? Ist der SĂŒdamerikaner im Stande, die Kirche aus ihrer tiefsten Krise zu retten und den konservativen Mief der Benedikt-Ära zu beseitigen?

All diese Fragen werden in diesem zeitaktuellen PortrĂ€t ausfĂŒhrlich und mehr als zufriedenstellend beantwortet. Das Buch ist gut strukturiert und weist einen sinnvollen Aufbau auf. Crista Kramer von Reisswitz schafft es, die oft sehr trockene Materie mit ihrem sehr sympathischen Schreibstil spannend zu vermitteln. Angereichert werden ihre AusfĂŒhrungen mit ihrem exklusiven Insiderwissen; einer der HauptgrĂŒnde, weshalb das Buch in seiner Art einzigartig ist und sich trotz der Überschwemmungsflut an VatikanbĂŒchern abheben kann.

Trotz ihren vielen Beziehungen im Vatikan, von denen die Autorin in ihrer Recherche profitiert, nimmt sie kein Blatt vor den Mund und sorgt fĂŒr eine Unvoreingenommenheit, die in dieser heiklen Thematik durchaus benötigt wird.

Ewigheim – Nachruf

Noch nicht einmal ein Jahr ist seit ihrem letzten Release vergangen, doch meldet sich die ThĂŒringer Gothic-Metal-Band Ewigheim bereits mit einer neuen Scheibe zurĂŒck. «Nachruf» heisst ihr drittes Werk, welches noch rechtzeitig vor Weihnachten seinen Weg in auserlesene PlattenlĂ€den gefunden hat. Was nach Abschied klingt ist hoffentlich keiner, denn nach dem schwachbrĂŒstigen VorgĂ€nger offenbart die Band rund um Eisregen-Schlagerzeuger Yantit endlich ihr wahres Potential, schöpft melodiös und atmosphĂ€risch aus dem Vollen und besingt in gewohnt depressiver Manier das Ende des Lebens. So schön kann der Tod sein.

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Artwork: RONNY FIMMEL/Ewigheim.de/Massacre Records

Wenn man es nicht besser wĂŒsste, so könnte man meinen, dass Ewigheim das bestechende Ergebnis einer Kollaboration zwischen Rammstein und Unheilig sei. Der ThĂŒringer Frontmann Allen B. Konstanz textet nicht nur ein Zwischending aus den bittersĂŒssen Gedichten von Unheilig und der abgrĂŒndigen Gesellschaftskritik Rammsteins, sondern bewegt sich auch stimmlich in den SphĂ€ren dieser beiden Musikgrössen. Trotz dieser Übereinstimmung mit anderen Bands wirkt der Stil von Ewigheim sehr eigen und fast schon ein wenig zu chaotisch. Diese unaufgerĂ€umte IndividualitĂ€t wird gestĂŒtzt durch ihr breites Spektrum an Klangmustern, sporadisch auftauchenden Elektro-Beats und einer ausgewogenen Mischung von leichten und eingĂ€ngigen Songs (Die Augen zu, Heimweh, Falsches Herz, GlĂŒck im UnglĂŒck, Wenn es am Schönsten ist) sowie schleichenden DĂŒstermelodien (Zwischen Menschen, Am Meer, Liebes Lied, Ein Nachruf).

Diese Vielfalt wird unterstĂŒtzt durch die zahlreichen Sessionsmusiker und Freunde, die Ewigheim zu ihrem Nachruf eingeladen haben. Der wahrscheinlich bekannteste Gast ist Michael Roth, SĂ€nger der Dark-Metal-Band Eisregen, der auch schon in den beiden frĂŒheren Alben Ewigheims eine tragende Rolle spielte. FĂŒr den Bonustrack Sanctum Imperium krĂ€chzte er mit seiner Blutkehle Zeilen der Todessehnsucht und sorgt damit gleichzeitig fĂŒr den besten Song des Albums.
Ein weiteres Highlight der Scheibe ist der Song Am Meer: Statt auf repetitive Gitarrenriffs setzt man hier couragiert voll und ganz auf die Stimme Konstanz‘. Insgesamt wĂŒnscht man sich mehr Mut und Unerschrockenheit von der Band, die sich immer noch voller Hemmungen in ausgelutschte Verhaltensmuster der deutschen Metalszene zwĂ€ngen will.  Obwohl sie sich mit ihrer dritten Scheibe bereits deutlich von anderen Bands abheben, scheint die Stilfindung und Heimsuchung noch nicht vollstĂ€ndig abgeschlossen zu sein. Immer noch versuchen sie mit einzelnen Songs eine trashige Doom-Stimmung erzeugen zu wollen, die mit der opernhaften Stimme des SĂ€ngers einfach nicht aufkommen will.
Durch die noch nicht ganz abgeschlossene Suche nach ihrer musikalischen Ausrichtung findet man auf Nachruf folglich auch viel an FĂŒllmaterial. Insbesondere die Powerballaden haben noch viel Verbesserungspotential, welches auch durch die gesangliche Meisterleistung Konstanz‘ nicht kaschiert werden kann.

Fazit: Aller guten Dinge sind drei. Mit grossem Abstand ist Nachruf das bisher beste Album der Band Ewigheim. Trotzdem gibt es in vielen Bereichen noch Luft nach oben. Mit Yantit von Eisregen und Allen B. Konstanz von The Vision Bleak hat man zwei hervorragende Musiker an Bord. Die Vielfalt in ihrem Album ist lobenswert, und textlich kann man der Band auch nichts vorwerfen, doch die ReizĂŒberflutung an verschiedenen Melodien und GefĂŒhlsatmosphĂ€ren muss jetzt noch zu einer klaren Struktur gebĂŒndelt werden, damit das nĂ€chste Album nicht so chaotisch und ĂŒberbordend daherkommt.

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Eisregen – Todestage

Die todbringenden ThĂŒringer feiern mit ihrem 10. Studioalbum ein besonders historisches JubilĂ€um und  schaffen es nach 20 Jahren Existenz immer noch, neue Akzente zu setzen. Trotzdem verloren sie auf ihrer langen Reise des Makabren viel von ihrem morbiden Charme lĂ€ngst vergangener Tage.

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Artwork: RONNY FIMMEL/Fleischhaus.de/Massacre Records

Seit jeher wird Eisregen auf ihren musikalischen Pfaden von zwei Konstanten begleitet, die auch bei der JubilĂ€umsscheibe treu an der Seite der ThĂŒringer bleiben. Zum einen ist dies die Alliteration im Titel – Todestage. Zum anderen ist dies der immerwĂ€hrende Ärger mit der BundesprĂŒfstelle fĂŒr jugendgefĂ€hrdende Medien (BPjM). Auch in diesem Jahr sprengten die Behörden die Party der Dark-Metal-Band und setzten den Rotstift an – Flötenmongo musste komplett aus dem Album gestrichen werden, um einer Indizierung zu entgehen.

Als der Flötenmongo schliesslich zum Wohl der anderen Songs geopfert wurde, stand der Veröffentlichung nichts mehr im Weg; die BPjM war mit dem ThĂŒringer Klangkreis wieder im Reinen. Ich bin es leider immer noch nicht. Was die Band auf ihrer Website als «balladeske Powernummern» anpreist, könnte der Zyniker auch als weichgespĂŒlten, trĂ€gen Einheitsmetal bezeichnen. Die von «Blast-Beat-getriebenen Highspeedssongs» als holprige Gehversuche, Electro-Elemente in den Songs unterzubringen – ein Projekt, welches auch schon in Schlangensonne (2010) und Rostrot (2011) scheiterte.
Allgemein vermisst man die Vielfalt frĂŒherer Alben, welche mit jedem neuen Werk weiter abnimmt. WĂ€hrend alle Songs von Krebskolonie (1998) bis heute Klassiker in der Szene sind, kann man die HĂ€lfte der Songs auf Todestage, namentlich Höllenfahrt,Todestage, Familienbande, Mitternacht, Tot/Untot und Seele Mein getrost in die Tonne werfen. Es sei denn man steht auf repetitive Gitarrenriffs und furzende Basslines.

Die begrenzte Spielfertigkeit kaschiert Eisregen, wie seit eh und je, mit lyrischen Meisterwerken ĂŒber die menschlichen AbgrĂŒnde, die bis dato unerreicht bleiben. Der SĂ€nger und Liederschreiber, Michael «Blutkehle» Roth, ist ein Meister des geschriebenen Wortes, ohne dessen formvollendeten Federschwung die Band keine Existenzberechtigung in der deutschen Metalszene hĂ€tte. Es ist eigentlich fast schon schade, dass die Texte von der breiten Masse unentdeckt bleiben, da sich diese hinter brachialen und martialischen Growls verstecken und erst beim ungefĂ€hr zwanzigsten Mal Hören in ihrer GĂ€nze zu verstehen sind. Ausnahmslos alle Songs sind lyrisch hoch anspruchsvoll und schaffen es routiniert, mit der feinen Linie zwischen Wahnsinn und GenialitĂ€t seilzuspringen. Über den Inhalt und die Relevanz gewisser Songs lĂ€sst sich jedoch streiten, was an folgendem Beispiel besonders deutlich wird.

Vorweggenommen: Sozialkritik war schon immer ein wichtiger Aspekt in den Texten von Eisregen, doch noch nie musste der so grobschlÀchtig, oberflÀchlich und plump um die Ohren gehauen werden wie in Todestage. Deutschland sucht die SuperleichebeschÀftigt sich, wie der Name bereits vermuten lÀsst, mit der Kritik an Castingshow- und Reality-TV-Formaten. Was Eisregen dazu bewog, auf dieses zu Tode kritisierte Thema nochmals einzudreschen, ist ein Geheimnis, welches Blutkehle vermutlich in sein kaltes Grab mitnehmen wird.
Der selbsternannte Meister aus ThĂŒringen ist inzwischen etwas trĂ€ge und in seinem Bewegungsapparat eingeschrĂ€nkt. Zum einen liegt dies wohl an der Leine der BundesprĂŒfstelle fĂŒr jugendgefĂ€hrdende Medien, die sich immer enger um seinen Hals zieht, zum anderen wohl ganz einfach an seinem Alter. Das Album ist jedoch jedem Fan von deutschen, lyrisch anspruchsvollen Texten ans Herz zu legen. Diejenigen, die Eisregen noch nicht kennen, sollten die ThĂŒringer allerdings nicht an diesem Album messen und sich erst die frĂŒheren Werke anhören.

Was die Zukunft bringen wird ist ungewiss, doch die Arbeiten an Marschmusik haben, so Eisregen, «lĂ€ngst begonnen» 

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